Sonntag, 21. April 2013

»Alles Boulevard« von Mario Vargas Llosa

Alles Boulevard: Wer seine Kultur verliert, verliert sich selbst

Der Literaturnobelpreisträger Mario Vargas Llosa ist ein umtriebiger Mann: Sein literarisches Schaffen umfasst mittlerweile nicht nur zahlreiche Romane und Erzählungen, für die er mit vielerlei Auszeichnungen geehrt wurde, auch politisch war er in den letzten Jahrzehnten überaus aktiv. Dazu hat er sich den Ruf eines ausgezeichneten Essayisten erworben, der in seinen Publikationen kritisch den Zustand unserer Gesellschaft reflektiert.

Vargas Llosa darf getrost als einer der maßgebliche engagierten Intellektuellen unserer Zeit bezeichnet werden. Umso größeres Gewicht muss seinen Worten beigemessen werden, wenn er sich nun auch als Kulturkritiker hervortut und in seiner jüngsten Veröffentlichung »Alles Boulevard« den drohenden Untergang der Kultur prophezeit. Ausführlich versucht Llosa zu beschreiben, wie es zu dem negativen Kulturwandel unter Aushöhlung der Kultur und ihrer Werte in den letzten fünfzig Jahren gekommen ist.

In seiner fulminanten Gegenwartsanalyse zeichnet Mario Vargas Llosa einige der tiefgreifenden gesellschaftlichen Veränderungen der letzten Jahrzehnte nach und findet Gegengift in überraschend vitalen Tugenden. Der totale Boulevard, die Dreistigkeit der Politik, die frivole Banalisierung nahezu aller Lebensbereiche – Kultur wird heute systematisch verramscht.

Und zwar als Folge eines Prinzips, über das weltweit Einigkeit zu herrschen scheint: dass Unterhaltung und Spaß unser allerhöchstes Gut zu sein hätten. Pointiert, leidenschaftlich und ohne Scheu vor hartkantigen Überzeugungen setzt sich der Nobelpreisträger und Weltbürger mit den vielgestaltigen Manifestationen dieser Tendenz auseinander – wachen Blickes streift er durch die Galerien und Museen, liest die Bücher und Illustrierten, sieht Fernsehen und Serien, schaut den Politikern auf die Finger.

Und Vargas Llosa sondiert die Möglichkeitsbedingungen einer alternativen Haltung. Gegen das Primat der gängigen globalen Zerstreuungskultur setzt er so Anspruch und Wertebewusstsein, gegen die grassierende Beliebigkeit eine Idee des Kanons, gegen die ideologischen Formatierungen durch »political correctness« ermutigt er zu Reflexion und geistiger Autonomie.

Was einmal Kultur war, ist heute Spektakel, ein kunterbunter Amüsierbetrieb, leerer Lärm. Seine Refelexionen und Betrachtungen gipfeln in der Feststellung: Wer seine Kultur verliert, verliert sich selbst. Die Welt ist boulevardesk geworden! - »Alles Boulevard« ist ein so unbequemes wie notwendiges Buch, das ganz zur rechten Zeit kommt.

Zwar handelt es sich nicht um einen Text aus einem Guss, sondern um die Komposition verschiedener Essays und Zeitungsbeiträge für das Madrider El Pais, aber die modulare Entstehung spricht eher für Konsistenz als für Eklektizismus. In dem Buch wurden Texte aus dem letzten Jahrzehnt zusammengestellt. Und wie alles, das Qualität für sich reklamieren kann, polarisieren diese Texte.

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Alles Boulevard: Wer seine Kultur verliert, verliert sich selbst
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von Mario Vargas Llosa

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